Ziele & Selbstwirksamkeit

Ziele Teil I: Erkenntnisse aus der Zielsetzungstheorie und was man daraus mitnehmen kann

Während im Humanbereich schon sehr viel Forschung zur Wirkung von Zielen besteht und vieles schon seit locker 15-20 Jahren als weitestgehend erforscht und etabliert gilt, gibt es noch kaum Übertragungen der Erkenntnisse auf den Reitsport. Im ersten Teil dieser Reihe möchte ich euch die grundlegenden Erkenntnisse und Einflussfaktoren der Zielsetzungstheorie vorstellen, welche wir dann in den Fortsetzungen auf Pferd und Reiter übertragen.

Zunächst lasst uns den „High Performance Zyklus“ von Locke und Latham (2 der renommiertesten Forscher im Bereich Zielforschung) anschauen:

Der Sinn von Zielen ist es, eine innere Spannung zwischen dem aktuellen Status und dem gewünschten Zustand herzustellen. Besonders motivierend sind Ziele dann, wenn sie herausfordernd und konkret sind und bis zu einem sehr hohen Grad wirken diese besser, je schwerer sie sind. Der Effekt von Zielen findet statt, indem diese die vier Mechanismen des Verhaltens beeinflussen: Wahl/ Richtung, Anstrengung, Durchhaltevermögen und Strategie.

Jetzt wird es interessant: die Wirkung von Zielen lässt sich nicht nur durch die Faktoren des Ziels, wie Spezifität und Schwierigkeitslevel beeinflussen, sondern ganz stark auch durch die sogenannten Moderatoren:

  • Zielkommitment,
  • Zielwichtigkeit,
  • Selbstwirksamkeit,
  • Feedback und
  • Komplexität der Aufgabe.

Ergänzend zum „High-Performance Zyklus“ gibt es noch einen weiteren Faktor, den ich basierend auf der aktuellen Forschung zu den Moderatoren hinzufügen möchte: die wahrgenommene Fairness.

In den folgenden Teilen dieser Blogreihe zum Thema Ziele werde ich euch zeigen, wie ihr diese Moderatoren für euch, eure reiterliche Ausbildung und die eures Pferdes nutzen könnt.

Ziele Teil II: Was bedeutet Selbstwirksamkeit und wie kann ich sie bei mir selbst stärken?

Um herauszufinden, was für eine Rolle Selbstwirksamkeit in der Reiter- und Pferdeausbildung spielt müssen wir zunächst verstehen, was Selbstwirksamkeit eigentlich bedeutet und wie ein Mensch/ Pferd ebensolche Erfahrungen macht.

Die psychologische Definition von Selbstwirksamkeit bezieht sich auf das Selbstvertrauen einer Person, eine bestimmte Aufgabe auszuführen. Interessanterweise wird sie als wichtigster Einflussfaktor angesehen, wenn es darum geht, welche Entscheidungen eine Person trifft, welche Ziele sie sich setzt und welchen Grad an Anstrengung sie erbringt, um diese zu erreichen. Die wichtigsten Quellen von Selbstwirksamkeit sind unter anderem:

  1. verinnerlichte Erfahrungen eine Aufgabe zu meistern, welche besonders dann auftreten, wenn jemand Hindernisse überwindet;
  2. Modellerfahrungen, bzw. Lernen durch Beobachten der Umwelt;
  3. Soziale Überzeugungen in Kombination mit dem psychologischen Zustand einer Person und schlussendlich
  4. die Selbstwahrnehmung des eigenen psychologischen Zustandes (Wood and Bandura (1989).

Wenn diese 4 Faktoren nicht ausreichend erfüllt sind, ist die Selbstwirksamkeit einer Person meist sehr niedrig und sie ist oft nicht in der Lage, Ziele zu erreichen oder allgemein eine (an den persönlichen Möglichkeiten) gute Leistung zu erbringen.

Nun wissen wir also wie wichtig Selbstwirksamkeit ist, um das eigene Potenzial bestmöglichst zu entwickeln. Die Frage ist aber nun, wie können wir unsere eigene Selbstwirksamkeit (und z.B. auch die unserer Reitschüler) steigern? Wie können wir Selbstwirksamkeitserfahrungen machen?

Wenn man hier erstmal auf dem richtigen Weg ist, ist das ganze natürlich einfach: man erreicht ein Ziel oder hat mit etwas Erfolg. Diese positive Selbstwirksamkeitserfahrung verhilft einem dann dazu, genug Energie, Bemühungen und Selbstbewusstsein für das Erreichen des nächsten Ziels/ der nächsten Aufgabe aufzubringen. Kommt auf diesem Weg mal eine größere Herausforderung, die nicht so leicht zu meistern ist, verhilft einem ein solides, positives Selbstwirksamkeitsempfinden mit Durchhaltevermögen und Enthusiasmus auch kleinere Misserfolge oder gar eine kleine Talsole zu überwinden. Aber was passiert, wenn wir nicht in diesem positiven Kreislauf sind, wenn die Zeiten zwischen einzelnen Erfolgen viel zu lang werden und Ziele unerreichbar und Aufgaben unerfüllbar erscheinen? Im schlimmsten Fall sinkt der Selbstwert immer mehr ab, unsere Aufgaben machen uns keinen Spaß mehr und die Situation scheint aussichtslos.

Zum Glück lässt sich dagegen etwas unternehmen: Oft neigen wir dazu uns Ziele nicht nur deutlich zu hoch zu setzen, sondern auch einen viel zu kurzen Zielsetzungszeitraum einzuplanen. Genau das Gegenteil hilft, um die eigene Selbstwirksamkeit schnell und einfach zu trainieren: sich so regelmäßig wie möglich kleine, erreichbare Ziele zu setzen und sich das Erreichen bewusst machen. Stück für Stück kann man dann das Ziellevel und die Zeitfrist für die Zielerreichung anheben.

Eine hervorragende Übung dazu findet sich in Veith Lindaus Buch „Werde verrückt: Wie du bekommst, was du wirklich-wirklich willst“. Dazu schreibt man sich jeden Morgen 3 Ziele auf einen Zettel, die man im Laufe des Tages erreichen möchte. Abends schaut man sie sich dann nochmal an und überprüft, ob man sie erreicht hat. Um damit die Selbstwirksamkeit zu trainieren macht es Sinn, sich die Ziele zunächst so zu setzen, dass man sie auf jeden Fall erreicht. Die tägliche Wiederholung tut dann das übrige, denn das Gehirn speichert ab, dass man es schafft, sich selbst gesetzte Ziele auch zu erreichen. Praktischerweise funktioniert das auch dann, wenn man von diesem Mechanismus weiß! Probiert es am Besten mal für einen Zeitraum von mindestens 3-4 Wochen aus und ihr werdet merken, was für einen großen Unterschied das macht. Ein angenehmer Nebeneffekt ist zudem, dass es so viel leichter fällt auch im Laufe des Tages im Blick zu behalten was man wirklich an diesem erreichen möchte.

Ziele Teil III: Selbstwirksamkeit im täglichen Training

Im letzten Blogeintrag haben wir ja schon herausgefunden, wie man durch eine einfache Zielsetzungsübung eine solide Basis für Selbstwirksamkeit schaffen kann. Insbesondere bei Reitern habe ich oft den Eindruck, dass das Selbstwirksamkeitsempfinden ein sensibles Thema ist. Wahrscheinlich liegt das daran, dass Reiten im Vergleich zu anderen Sportarten bzw. Hobbys ziemlich komplex ist, sehr viele unterschiedliche Vorstellungen und Meinungen über richtig und falsch existieren und die Auswirkungen jeder Entscheidung und Handlung ja nie nur einen selbst, sondern auch das Pferd betreffen. Wenn sich Reiter also Ziele setzen sind es dann oft sehr hohe und weitreichende Ziele. Natürlich können auch anspruchsvolle Ziele erreicht werden, meist aber eher langfristig und nicht von heute auf morgen. Wenn man sich dann immer auf dieses Fernziel konzentriert geht schnell der Spaß am alltäglichen Training verloren und oft sinkt auch die Selbstwirksamkeit, weil man sein Ziel eben in 99% der Reit- oder Trainingseinheiten nicht erreichen wird.

Abhilfe schaffen kann man mit der Übung aus meinem letzten Blogbeitrag. Schnappt euch einen Stapel kleiner Zettel, legt ihn euch in den Spind und notiert euch darauf vor jeder Einheit 3 Ziele. Es macht Sinn diese etwas zu verteilen, also zum Beispiel ein Ziel in Bezug auf den eigenen Sitz, ein Ziel hinsichtlich der mentalen Absicht und ein Ziel für die Hilfengebung zu setzen.

Ein Beispiel: Heute nehme ich mir vor erstens, meine Beine besonders entspannt hängen zu lassen, mir zweitens immer genau den vor mir liegenden Weg vorzustellen und mental meinem Pferd mitzuteilen und drittens eine prompte Reaktion auf meine Schenkelhilfen zu erreichen.

Je nach dem kann man sich dann auch vornehmen z.B. immer beim Vorbeireiten am Hallentor besonders auf die eigenen Ziele zu achten. Es geht also nicht darum jetzt verbissen zu einhundert Prozent auf diesen Zielen herumzukauen, sondern zwanglos aber trotzdem zielorientiert einfach alle paar Sekunden/ Minuten wieder einen neuen Versuch zu starten sich im Hinblick auf die eigenen Ziele zu verbessern. Wenn man sich jetzt noch nach dem Reiten mit einem andersfarbigen Stift kurz notiert, wie gut die Umsetzung geklappt hat, hat man eine hervorragende Möglichkeit, die eigenen Fortschritte festzuhalten und sich in schwierigen Phasen auf die vergangenen Erfolge zu besinnen um mit einer positiven Einstellung zu starten.

Ziele Teil IV: Selbstwirksamkeit beim Pferd

Was ich in den letzten Blogbeiträgen beschrieben habe basiert natürlich ausschließlich auf der humanen Forschung. Meiner Erfahrung nach ist das meiste aber auch für Pferde sehr relevant. Im Prinzip wünschen wir uns genau das Gegenteil von erlernter Hilfslosigkeit. Das Pferd soll lernen, dass sein Verhalten direkte Auswirkungen darauf hat was mit und um ihn geschieht.

Das fängt schon beim Aufwachsen an: wenn ein Pferd in einer ausgeglichenen und gut sozialisierten Herde mit einer artgerechten Haltung aufwächst, macht es schon von Anfang an vielfältige Selbstwirksamkeitserfahrungen. Wenn die Haltung es dem Pferd grundsätzlich ermöglicht, seine Bedürfnisse die meiste Zeit selbst zu stillen, kann es erfahren, dass es selbst etwas gegen Hunger, Durst, ein gesteigertes Bewegungsbedürfnis oder den Wunsch sich zu wälzen tun kann. Steht es dagegen 23-24h am Tag in einer viel zu engen Box, lernt es nur all dies auszuhalten, denn so viel andere Möglichkeiten gibt es ja nicht. Dasselbe gilt in einer gut sozialisierten Herde. Ausgeglichene Herdenkollegen werden dem Pferd mit ihren positiven und negativen Reaktionen auf sein Verhalten zeigen, dass alles Konsequenzen hat, im Guten wie im Schlechten. Manch ein Pferd wird Abstand einfordern und unser Pferd kann lernen, dass die Drohgebärden aufhören, wenn es einfach ein paar Meter Abstand hält. Wenn es sich seinem Herdenkumpel freundlich nähert und sanft anfängt zu kraulen geht dieser vielleicht darauf ein und unser Pferd erlebt das als direkte Reaktion auf sein Verhalten. Dabei lernt es auch gleich mit kleineren Misserfolgen umzugehen, denn nicht alle Vierbeiner werden zu jeder Zeit einer Spielaufforderung folgen.

Wie können wir das jetzt für unser Training nutzen?

1. Wie beim Menschen müssen wir natürlich unseren Übungsaufbau anpassen, uns also machbare Ziele setzen und in eine konkrete Übung verpacken, die tatsächlich erreichbar ist. Wollen wir also langfristig eine prompte Reaktion auf die Galopphilfen erreichen könnten wir anfangen zunächst ein Stimmsignal an der Longe zu konditionieren. In folgenden Einheiten nehmen wir das dann mit in den Sattel bis wir schließlich problemlos auch ohne Stimmhilfe genau am Punkt und auch der gewünschten Linie anhalten können.

2. Mindestens ebenso wichtig dafür, dass unser Pferd Selbstwirksamkeitserfahrungen macht ist, dass wir Erfolge auch als solche kommunizieren. Was die meisten von Euch dabei wahrscheinlich schon kennen sind das Verlaufslob und das Abschlusslob. Ganz besonders dann, wenn gerade „gar nichts mehr klappt“ oder wenn wir von unserem Pferd ganz besonderen Einsatz in einer sehr schwierigen Übung verlangen, hilft es wirklich häufig zu loben und dem Pferd tatsächlich zu zeigen was man gut findet. Auch wenn man das sprachlich nur bedingt ausdrücken kann (die Aussage „so pendelt dein Schweif aber besonders losgelassen und schau mal wie toll dein Rücken schwingt“ werden die wenigsten Pferd verstehen) reagieren fast alle Pferde auf unsere Emotionen. Deshalb probiert einfach mal aus euch in dem Moment, in dem das Pferd etwas richtig macht in angemessenem Grad zu freuen. Klingt zunächst komisch, weil wir es nicht gewohnt sind dieses Gefühl bewusst zu erzeugen, aber wenn wir uns konkret auf etwas was wir gut finden konzentrieren ist das tatsächlich möglich. Drehe ich also eine entspannte Aufwärmrunde im Leichttraben und mein Pferd reagiert prompt auf meine Hilfen mit einer zwanglosen oder sogar schon losgelassenen Vorwärtsbewegung, freue ich mich ein kleines bisschen, so wie ein entspannt dahinplätschernder Bach. Fange ich später mit einem leichten Zulegen an etwas Schwung in die Trainingseinheit zu bringen und mein Pferd reagiert prompt aber noch unterhalb seiner Möglichkeiten, bin ich erstmal zufrieden und eindeutig positiv. Und klappt dann das erste Mal ein deutliches Zulegen oder sogar schon ein Mitteltrab bei dem mein Pferd alles gibt freue ich mich so überschwänglich wie möglich. Durch diese mentale Bestätigung kann ich meinem Pferd in jeder Einheit positive Erfahrungen verschaffen und baue solide Selbstwirksamkeit auf bzw. erhalte sie. Dass ich alles richtig gemacht habe merke ich daran, dass mein Pferd Stück für Stück mehr Motivation und Einsatz zeigt und auch bei schwierigen Herausforderungen länger am Ball bleibt.

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