Vom Umgang mit „Problempferden“

Eine clevere Person löst ein Problem. Eine weise Person vermeidet es. (Albert Einstein)

Wenn es um das Thema „Problempferde“ geht werden oft die dramatischsten Beispiele ausgepackt, Pferde gezeigt, die sich zum 100sten Mal mit voller Wucht von der Longe losreissen oder Reiter, die sich glorreich auf einem bis zur Erschöpfung bockenden Pferd halten und „siegreich“ hervorgehen.

Aber ist es tatsächlich das, was man anstreben sollte? Natürlich werden sich in Einzelfällen je nach den Umständen etwas (!) dramatischere Situationen nicht vermeiden lassen. Aber bei einem Pferd, das sich mit voller Kraft losreisst oder überhaupt bereit ist bis zur Erschöpfung zu bocken um endlich den Sattel oder den Reiter loszuwerden, ist eigentlich schon längst weit über der Grenze seiner Aufnahmefähigkeit. Das sympathische Nervensystem ist aktiv und sorgt dafür, dass der Körper zu 100% fluchtbereit ist. Entspannung oder gar Lernen sind absolut unmöglich!

Natürlich habe ich als Reitlehrer und Bereiter den Anspruch an mich auch in solchen Situationen blitzschnell reagieren zu können und eine möglichst gute und für alle Beteiligten gefahrlose Lösung der Situation zu finden, denn das ist schließlich meine Aufgabe. Aber was viel wichtiger ist, ich habe den Anspruch an mich (und jeden meiner Reitschüler), das Pferd gar nicht erst in eine Situation zu bringen, in der es einen Grund hat sich zu wehren. Es ist eine viel größere Leistung ein Pferd eben gar nicht erst in eine Situation zu bringen, in der es einen Grund hat dem Wunsch des Menschen zu widersprechen. Das ist dann natürlich viel weniger spektakulär, absolut nicht medienwirksam, geht deutlich länger und man muss sich wahrscheinlich auch von einigen super schlauen Stallkollegen des Öfteren anhören, dass es da doch mit Methode xyz, Halfter abc und dieser Wunderzäumung vom großen T eine so einfache Lösung gäbe und es völlig unnötig ist sich damit zu beschäftigen. Aber meiner Meinung nach muss das ein Reiter- und  vor allem Reitlehrerego aushalten!

Eine gute Pferdeausbildung oder Korrektur braucht immer Geduld und Zeit – so viel Zeit, wie das Pferd eben braucht und nicht so viel, wie vor den Stallkollegen noch gut aussieht.