Das Idealgewicht

Das wichtigste Ziel für Reiter sollte es immer sein, ihr Pferd gesund zu erhalten. Das gilt aber natürlich nicht nur im direkten Bezug auf das Reiten, sondern auch auf die Haltung, das generelle Trainingspensum usw. Eine der am weitesten verbreiteten Zivilisationskrankheiten bei Pferden ist die Fettleibigkeit.

Bestandsaufnahme: Wie kann ich mein Pferd einordnen? Woher weiß ich ob es zu dick, zu dünn oder gerade richtig ist?

Das eigene Pferd im Hinblick auf das Idealgewicht richtig einzuordnen kann ganz schön schwierig sein. Zum einen, weil man es so oft sieht, dass einem die Entwicklung über Monate schnell entgeht. Zum anderen, weil man etwas nur dann richtig einordnen kann, wenn man die richtige Referenz im Kopf hat. Je nach auf welche Studien man sich bezieht ist ca. die Hälfte (!) unserer Hauspferde übergewichtig. Das macht es natürlich deutlich schwerer beim eigenen Pferd objektiv zu bleiben.

Deshalb gibt es den sogenannten Body Condition Score (Carrol u. Huntington 1988). Er teilt Pferde in 6 Gruppen von sehr mager bis sehr fett ein. Wichtiger als die absoluten Gruppen sind in der Praxis aber die Kriterien nach denen das geschieht. Für eine optimale Figur gilt:

  1. Die Rippen sollten leicht tastbar aber nicht sichtbar sein. In einzelnen Bewegungen, z.B. wenn das Pferd sich stark biegt, können diese aber durchaus immer wieder durchschimmern.
  2. Der Hals des Pferdes sollte keine Kammbildung aufweisen. Eine Ausnahme bilden hier Hengste, bei denen hormonell bedingt eine leichte Kammbildung auftreten darf.
  3. Die Kruppe sollte rund und voll aussehen. Die Hüfthöcker müssen aber noch leicht tastbar sein und es sollten sich keine (verhärteten) Fettpolster gebildet haben.
Bei diesem Pferd sieht man leicht die Rippen durchschimmern.

Natürlich gibt es hier rassetypische Unterschiede in der Optik. Pferde mit von Natur aus viel und „massiger“ Muskulatur, wie z.B. Haflinger oder Quarter, sehen natürlich breiter aus. Rassen mit einem hohen Faszienanteil, wie z.B. Araber, dürfen hingegen ruhig etwas drahtig wirken und z.B. einen Axthieb haben.

Um die Bestandsaufnahme etwas objektiver zu gestalten macht es Sinn in größeren Abständen Vergleichsfotos des eigenen Pferdes zu machen und die Entwicklung des Ernährungszustandes zu begutachten. Auch jährliche Termine bei einer Pferdewaage können helfen. Allerdings sollte das reine Gewicht in kg nicht alleinig ausschlaggebend sein, denn Muskeln sind ja bekanntlich schwerer als Fett.

Bild 1 und 2 sind hier aus einer schlechten Perspektive fotografiert. Natürlich sieht man, dass das Pferd zu dick ist. Einen echten Vergleich erlaubt das nicht. Bild 3 und 4 sind ca. im 90 Grad Winkel fotografiert und helfen bei der Verlaufskontrolle.

Der Isländerwallach hat aufgrund eines anderen Befundes in Bild 4 auch Muskulatur abgebaut und soll jetzt natürlich im weiteren Training noch fitter werden. Es ist aber eben wichtig zu wissen, dass der „Oberhals“ auf den ersten drei Bildern eben NICHT ausgeprägter ist als auf dem vierten, sondern dass es sich hier um einen massiv schädlichen Fettkamm gehandelt hat! Das gleiche gilt auch für die Fettpolster an Schulter und Kruppe. Teilweise waren sie auch schon leicht erhärtet. Hier täuscht die Halsform bei Robustrassen und z.B. auch Spaniern leider sehr oft optisch eine gut trainierte Oberlinie vor, die aber eigentlich nur aus Fett besteht.

Wie schlimm ist ein Heubauch?

Als sogenannter Heubauch wird ein deutlich sichtbarer „Bauch“ von Pferden bezeichnet, die viel Rauhfutter fressen. Die Füllung des Verdauungstrakts durch Fasern und Wasser zeigt sich auch nach außen. Daher hat der Heubauch auch erstmal nichts mit dem Fütterungszustand des Pferdes zu tun! Gerade Rauhfutter sorgt durch seine Fasern und seine im Vergleich zu anderen Futtermitteln niedrige Energiedichte für eine gute Sättigung ohne eine Überversorgung des Pferdes mit Energie. Er ist aber je nach Ausprägung ein Zeichen für zu schwache Bauchmuskulatur. Der Inhalt des Verdauungstraktes kann bis zu 20% des Pferdegewichts ausmachen und ist beim Pferd an der Wirbelsäule aufgehängt. Ist dieses Gewicht nicht ausreichend von unten muskulär gestützt kann es langfristig zu massiven gesundheitlichen Problemen kommen. Deshalb ist es wichtig Pferde fit zu halten und ausreichend zu trainieren. Eine Reduktion des Rauhfutters macht nur Sinn, wenn sich dieses aus der Rationsberechnung ergibt. Der Heubauch an sich sollte kein Grund hierfür sein!

Haltung, Fütterung und Training anpassen

Der natürliche Lebensraum von Pferden sieht ein eher karges Umfeld vor: lange, bewegungsintensive Nahrungssuche (bis zu 30km am Tag!), harsche Witterungseinflüsse und Nahrungsmittel mit deutlich geringerem Nährstoffgehalt als unser heutiges Futter. In unseren heutigen Haltungsbedingungen zeigt sich diese Veranlagung dann oft in übermäßigen Fettreserven. Fettpolster, im schlimmsten Fall sogar verhärtet und mit klar abgegrenzten Rändern, sind immer ein schlechtes Zeichen!

Um die Ursachen für Übergewicht herauszufinden muss man Haltung, Fütterung und Training des Pferdes genauer unter die Lupe nehmen. Eine Haltung mit viel Platz und Anreizen zur Bewegung trägt dazu bei das Pferd fit zu halten und bietet Beschäftigung über das Fressen hinaus. Das Training muss sich dann natürlich nach dem aktuellen Fitnesslevel des Pferdes richten. Meistens neigen Reiter aber dazu die Intensität des Trainings deutlich zu unterschätzen. Hier hilft es, sich einmal die gängige Definition von leichter Arbeit anzuschauen: Meist ist hier die Rede von 60min Training täglich, davon mindestens 30min in Trab und Galopp. Die meisten Freizeitreiter liegen hier definitiv darunter und unterschätzen auch gerne an wie vielen Tagen das Training dann tatsächlich auch ganz ausfällt. Hier helfen ein Trainingstagebuch und der Blick auf die Uhr!

Mit diesen Hilfsmitteln lässt sich dann auch schnell und einfach ein sinnvoller Trainingsplan entwickeln. Kontinuierliche, langfristige Steigerung der Trainingsintensität und Dauer helfen gesund abzunehmen und Stück für Stück wieder fitter zu werden. Wie man so einen Trainingsplan aufstellt lernt ihr zum Beispiel in meinem Seminar zum Thema Trainingslehre.

Die ehrliche Analyse von Training und Haltung ist notwendig, um die Ration des Pferdes sinnvoll bestimmen zu können. Dabei geht man wie folgt vor:

  1. Analyse der Fressmenge: Die Sättigungsgrenze des eigenen Pferdes kann man messen, indem man bei immer vollem Heunetz die Menge bestimmt, die das Pferd in 24h fressen würde. Achtung: Das Heunetz darf das Pferd für diesen Test nicht ernsthaft am Fressen hindern sondern dient nur der Mengenbestimmung.
  2. Jetzt kann es mit der Rationsberechnung losgehen. Je nach dem wie leicht- oder schwerfuttrig das Pferd ist und ob es ab- oder zunehmen soll bestimmt sich nun die Kombination an Futtermitteln. Eine ausreichende Menge Raufutter um dem Sättigungsbedürfnis des Pferdes gerecht zu werden ist der erste Schritt. Falls notwendig um den Erhaltungs- und Leistungsbedarf des Pferdes zu decken kommen dann im zweiten Schritt Kraftfuttermittel dazu. Gerade bei leichtfuttrigen Pferden und bei Pferden in leichter Arbeit ist dies aber meist gar nicht notwendig. Daher bietet es sich an ein separates Mineralfutter anstelle eines mineralisierten Kraftfutters zu füttern, um eine Überversorgung mit Energie zu vermeiden.
  3. Je nach Pferd muss man hier noch die genetische Varianz beachten. Zum Beispiel haben Rassen mit mehr (fleischiger) Muskelmasse (z.B. Quarter), Haaren und Horn (z.B. Tinker) einen deutlich höheren Eiweißbedarf als das Durchschnittswarmblut. Gerade wenn die Ration was die Energiezufuhr angeht eher niedrig ausfällt ergibt sich hier sehr schnell eine Unterversorgung die man ausgleichen muss. Wenn das Pferd sowieso schon eher zu dick ist benötigt man dann tatsächlich ein Zusatzfuttermittel, da die gängigen Kraftfutter gleichzeitig zu viel Energie liefern würden.

Probleme durch Übergewicht oder Untergewicht

Ist das Pferd bereits übergewichtig, ergeben sich schnell weitere Probleme. Folgekrankheiten wie Stoffwechselprobleme, Hufrehe oder Überlastungen von Sehnen, Bändern und Gelenken machen das Training deutlich schwerer. Deshalb ist es auch so wichtig rechtzeitig zu reagieren! Doch auch moderat übergewichtige Pferde können u.U. nicht gleich voll trainiert werden. Hier bietet sich die Arbeit an der Longe an, um eine zusätzliche Gewichtsbelastung durch den Reiter zu minimieren/ vermeiden. Auch lange Spaziergänge helfen. Wichtig: Auch das fällt meist noch unter leichte Arbeit oder sogar darunter und rechtfertigt nicht eine höhere Kraftfutterportion! Ein 1,5h Spaziergang ist für ein gesundes und einigermaßen trainiertes Pferd ein Pausentag! (Auch wenn es den Reiter vielleicht sogar ein bisschen aus der Puste bringt 😉 )

Auch Untergewicht hat negative Auswirkungen, wenngleich diese solange das Untergewicht nur temporär ist weitaus weniger negativ sind als Übergewicht. Durch die nicht optimale Versorgung des Pferdekörpers ist auch die Mineralstoffversorgung ein Problem. Der Körper kann sein Gewebe nicht optimal ernähren und baut daher Muskulatur ab oder zumindest nicht auf. Ursachen dafür sind meist Zahnprobleme, Stress und/oder Magenprobleme sowie natürlich eine negative Energiebilanz. Gerade bei älteren Pferden ist Untergewicht dann auch schnell bedenklich, da diese oft schneller und drastischer abnehmen als ein gesundes erwachsenes Pferd. Deshalb dürfen ältere Pferde die dazu neigen schneller abzubauen gerade auch vor dem Winter gerne ein paar Kilos mehr haben.

Wenn ihr nun motiviert seid euch näher mit der Fütterung eures Pferdes zu befassen kann ich euch Futterexpertin Conny Röhm ans Herz legen. Ihr Buch „Purzel speckt ab“ bietet einen tollen Einstieg ins Thema Rationsberechnung und hilft eurem Pferd auf dem Weg zur Idealfigur.