Reiten mit feinen Hilfen – ein Mythos?

In letzter Zeit ist der Begriff „feine Hilfen“ immer mehr in aller Munde und wird gefühlt in jedem zweiten Satz öffentlichkeitswirksam versprochen oder zumindest angestrebt. Eine Entwicklung, die eigentlich zu begrüßen ist, auch wenn man sagen muss, dass der Begriff „Hilfe“ per Definition ja den Aspekt der Feinheit eigentlich schon beinhaltet.

Trotzdem muss ich zugeben, dass mir das Ganze immer öfter sauer aufstößt und zwar aus zwei Gründen:

Zum einen ist es der Weg, wie man beim Pferd versucht eine feine und prompte Reaktion zu erreichen. Da wird zusammengeschnürt, an Kandaren gezuppelt oder „touchiert“ (bzw. ziemlich rhythmisch und grob mit der Gerte begleitet). Zumindest eine Kandare und eine Touchierpeitsche können definitiv auch pferdefreundlich eingesetzt werden, dafür braucht es aber ein ordentliches Maß an Fein- und Fingerspitzengefühl und Erfahrung, die eben oft fehlt. Hat man dieses Feingefühl und die notwendige Erfahrung muss man dann auch kaum noch auf Hilfsmittel zurückgreifen oder wenn dann sind sie eine nette Ergänzung, aber eben nicht zwingend notwendig!

Und damit kommen wir gleich zum zweiten Punkt: Nur ein Reiter, der zügelunabhängig, ausbalanciert und zumindest einen Großteil der Zeit in der Bewegung sitzt ist in der Lage überhaupt feine Hilfen zu geben. Und nur, wenn er/sie einen korrekten Sitz und eine korrekte Hilfengebung kombiniert kann er/sie erwarten, dass das Pferd auf feine Hilfen reagiert. Das zu erlernen ist anstrengend, langwierig und tatsächlich harte Arbeit! Dabei rede ich nicht von krampfhaften Versuchen und ich sage auch nicht, dass das Ganze nicht auch Spaß machen kann. Aber zunächst erstmal Spaß am Weg und an „einfachen“ Lektionen wie dem Reiten von korrekten Bahnfiguren und Übergängen. Solange man nicht innerhalb einer Sitzlonge auf einem ausbalancierten Pferd in der Lage ist auch im Galopp Sitzübungen zu machen sollte einem klar sein, dass z.B. einfache oder fliegende Wechsel einfach noch zu weit gegriffen sind. Die Hilfengebung durch einen nicht völlig ausbalancierten Reiter wäre hier für das Pferd nämlich wirklich alles andere als „fein“. Und das ist auch ok! Kein Mensch würde von einem Unterstufenschüler, der gerade die ersten ernsthaften Aufsätze verfasst, erwarten, dass dieser einen 10-seitigen wissenschaftlichen Artikel zu einem hochkontroversen politischen Themas verfassen kann.

Pro Pferd ist es also in diesem Fall an den Grundlagen zu feilen, in dem Wissen, dass die fortgeschrittenen Lektionen dann gar nicht mehr so weit entfernt sind, wenn die Grundlagen tatsächlich sitzen. In meinem Reitunterricht möchte ich jedem Reitschüler die Chance dazu geben das alles zu erlernen, gerne auch mit anspruchsvolleren Herausforderungen, wie z.B. der Jungpferdeausbildung, fortgeschrittenen Dressurlektionen oder einem Parcours mit anspruchsvollen Wendungen. Das Wohl des Pferdes sollte aber immer an erster Stelle stehen und das heißt für mich, dass ich eben nicht alle Reiterwünsche (sofort) erfülle, auch wenn langfristig (fast) alles möglich ist.